In Deutschland wird in aller Regel ab Werten von 140/90 von Bluthochdruck gesprochen, US-Amerikaner und Österreicher dagegen setzen die Grenze seit einigen Monaten bei 130/80.

Selten schafft es eine kardiologische Studie in die Publikumsmedien, diese jedoch schlug hohe Wellen: 2015 wurden die Ergebnisse der US-amerikanischen SPRINT-Studie bekannt (SPRINT steht für Systolic Blood Pressure Intervention Trial, in etwa „Untersuchung über eine Intervention beim systolischen Blutdruck“). An ihr hatten 9.361 Probanden teilgenommen, die über 50 Jahre alt waren und bereits ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko aufwiesen. Die US-Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Senkung des systolischen Werts auf unter 120 das Risiko schwerwiegender Herz-Kreislauf-Ereignisse deutlich senkt – so sehr, dass sie die Studie abbrachen, um die Kontrollgruppe nicht sehenden Auges dem Risiko eines höheren Blutdrucks auszusetzen.

Auf der Basis dieser Ergebnisse wurde der Grenzwert, ab dem von Bluthochdruck gesprochen und interveniert wird, vergangenes Jahr in den USA von 140/90 auf 130/80 heruntergesetzt. Auf einen Schlag stieg damit die Zahl der US-Hypertoniker von 72 Millionen auf 103 Millionen. Österreich zog nach und senkte den Grenzwert ebenfalls. Ist in Deutschland die gleiche Entwicklung zu erwarten? Das würde bedeuten, dass mit einem Mal circa jeder zweite Bundesbürger Bluthochdruck hätte; aktuell ist es rund jeder dritte.

Deutsche Hochdruckliga nicht überzeugt

Das Gros der deutschen Mediziner orientiert sich an der Empfehlung der Deutschen Hochdruckliga. Diese will den Grenzwert einstweilen bei 140/90 belassen. Hauptgrund dürfte die vielfach geäußerte Kritik am Design und damit an der Aussagekraft der SPRINT-Studie sein. So wird beispielsweise bemängelt, dass der Blutdruck von den SPRINT-Probanden selbst gemessen wurde, ohne Anwesenheit medizinischen Fachpersonals. Belegt ist aber, dass der Blutdruck in der Praxissituation tendenziell höher liegt. Daneben werden weitere methodische Schwächen bemängelt.

Hinzu kommen weitere Argumente gegen eine Absenkung des Grenzwerts: „Blutdrucksenkende Medikamente haben Nebenwirkungen, daher sollten sie nicht ohne guten Grund eingenommen werden. Zudem kann auch ein zu geringer Blutdruck zu Beschwerden führen, bis hin zum Nierenversagen“, warnt der Herzspezialist Dr. Patrick Darb-Esfahani aus Berlin-Friedenau. Der Kardiologe und Internist spricht sich im Einklang mit der Deutschen Hochdruckliga gegen eine Absenkung des Grenzwerts aus. Ohnehin, so Dr. Darb-Esfahani, sei der individuelle Gesundheitsstatus des Patienten ausschlaggebend für die Entscheidung, ab wann mit einer blutdrucksenkenden Therapie begonnen werden sollte.

Schon jetzt gilt ein systolischer Wert jenseits der 130 als „hochnormal“, so dass gezieltes Gegensteuern ratsam ist. Dafür werden in der Regel noch keine Medikamente benötigt; auch „sanfte“ Maßnahmen wie eine Ernährungsumstellung, regelmäßige sportliche Betätigung oder der Verzicht aufs Rauchen, auf kräftiges Salzen und auf große Mengen Alkohol haben einen großen Effekt.